Frankreich ringt kurz vor dem Referendum in Großbritannien um Gelassenheit. “Die Briten sind in Europa mit einem Fuß drinnen und mit einem Fuß draußen. Nach dem 23. Juni wird es genau umgekehrt sein”, scherzte der langjährige französische Europaabgeordnete Jean-Louis Bourlanges. Sein vielzitiertes Bonmot zeugt vom ausgeprägten Wunsch in Paris, dem Referendum auf der anderen Seite des Ärmelkanals nicht zu viel Bedeutung beizumessen. Präsident François Hollande wirkt beim Thema Brexit wie von Sprachlosigkeit befallen. Er meidet es offensichtlich, eine Debatte darüber zu führen. Zum Auftakt der Euro 2016 spottete er, mit den Briten sei es halt kompliziert, sie schickten auch gleich drei Mannschaften in den europäischen Wettbewerb.

Bis auf Äußerungen über “die Gefahr einer Zersplitterung Europas” hat sich Hollande mit grundsätzlichen Erwägungen zum britischen Referendum zurückgehalten, zugleich aber immer wieder vage über eine “deutsch-französische Initiative” für den Tag danach sinniert.

“Wir zünden Kerzen in der Kirche an und beten, dass die Briten nicht für einen Brexit stimmen”, beschreibt die französische Europaabgeordnete Sylvie Goulard von der liberalen Alde-Fraktion die Haltung der Linksregierung.
Sie hält diese Passivität für einen schweren politischen Fehler. “Frankreich als Gründungsnation stellt sich seiner Verantwortung für die EU nicht, indem der Präsident der Debatte über die Folgen des Referendums ausweicht”, sagt Goulard. Dies gelte auch für die deutsch-französische Zusammenarbeit. “Unsere Regierenden haben Unrecht, das Unbehagen über die EU mit der Methode zu behandeln, die es seit 20 Jahren nur verschlimmert hat”, schreibt Goulard in ihrem jüngsten Buch “Goodbye Europe”. Auch der ehemalige französische Präsident Valéry Giscard d’Estaing übt Kritik am französischen Abwarten. “Was auch immer das Ergebnis ist, Frankreich muss wieder die Initiative ergreifen”, mahnte Giscard in “Le Point”.

Die Regionalratsvorsitzende der Hauptstadtregion Ile-de France, Valérie Pécresse (Les Républicains), läuft sich indessen für einen Brexit warm. Trotz Streiks, Blockaden und Protesten in Paris glaubt sie an einen Standortvorteil für die französische Hauptstadt, sollte Großbritannien die EU verlassen. Zusammen mit dem Rathaus von Paris, dem Département Hauts-de-Seine und “Paris Europlace”, dem Lobbyverband des Finanzplatzes Paris, organisierte Pécresse zwei Wochen vor dem britischen Votum eine Konferenz, um umzugswillige Firmen zu umwerben. Paris werde Unternehmern aus Großbritannien den roten Teppich ausrollen, sagte Jean-Louis Missika, beigeordneter Bürgermeister mit Zuständigkeit für die Stadtentwicklung in Paris. Das klang ein wenig wie eine späte Revanche für die werbenden Worte des damaligen Londoner Bürgermeisters Boris Johnson, nachdem Präsident Hollande eine Reichensteuer eingeführt hatte. Johnson sagte damals, alle Unternehmer aus Frankreich seien in London willkommen.

“Das Referendum führt dazu, dass alle großen Unternehmen ihre europäischen Aktivitäten überdenken”, sagte Gérard Mestrallet vom Verband “Paris Europlace”. Paris wolle zeigen, dass es auch als Finanzplatz sehr attraktiv sei. “Die Folgen eines Brexit werden für Großbritannien und für uns negativ sein. Aber es ist unsere Pflicht, die Gelegenheit beim Schopf zu packen und Paris endlich zum großen Finanzplatz werden zu lassen”, sagte Patrick Devedjian, der das reichste Département Frankreichs, die Hauts-de-Seine, leitet. Die Bürostadt La Défense vor den Toren von Paris könne zu einem neuen Canary Wharf werden, schwärmte Devedjian. Aber die Chefs französischer Großbanken wie BNP Paribas und Société Générale glauben offensichtlich nicht an die Wirksamkeit der Pariser Charmeoffensive. Sie unterzeichneten zusammen mit 32 anderen französischen Großunternehmen einen eindringlichen Appell an die “britischen Freunde”, in der EU zu bleiben: “S’il vous plait, remain!”

Marine Le Pen hingegen hofft, dass eine Mehrheit der Briten für den Brexit stimmt. Sie hält das Referendum für “den Anfang vom Ende der EU”. Die Chefin des Front National (FN) hat den Franzosen auch ein Referendum über den Verbleib in der EU versprochen. Die Idee hat inzwischen Nachahmer gefunden. Präsidentenanwärter Bruno Le Maire (Les Républicains) wirbt ebenfalls mit einem Referendum über die EU, allerdings mit dem Ziel, “die Franzosen mit Europa zu versöhnen”. Aber die Europa-Skepsis hat sich in Frankreich seit der Ablehnung des europäischen Verfassungsvertrags im Mai 2005 verstärkt. Das mag erklären, warum laut einer Umfrage der Bertelsmann-Stiftung nur lediglich 41 Prozent der Franzosen wollen, dass Großbritannien EU-Mitglied bleibt.

2017-05-19T00:50:14+00:00