Ein Protest gegen den Deutschkurs in Paris

Von Sylvie Goulard 23.04.2014

Vielfalt und Reichtum der deutschen Philosophie, Berlins Charme, Deutschlands Wirtschaftsleistung oder politisches Gewicht, die Bewunderung für die deutsche Nationalmannschaft, die zahlreichen Berufschancen für Germanisten: an Begründungen und Anreizen für das Erlernen der deutschen Sprache mangelt es nicht.

Nun muss sich Deutsch schon seit Jahren gegen die Konkurrenz des Englischen als Einstiegssprache behaupten, jener Weltsprache, die französische Eltern zu Recht als ein Muss betrachten. Als geschickter Schachzug erwies sich daher der Gedanke, bereits im ersten Jahr des Collège, der französischen Spielart der deutschen Gesamtschule, sogenannte classes bilangues einzurichten, in denen Schüler gleichzeitig zwei Fremdsprachen lernen. So musste das Englische nicht dem Deutschen « geopfert » werden, und so gelang es dem Bildungsministerium, dem Rückgang von Goethes Sprache entgegenzuwirken: Achtzig Prozent der Deutschlernenden im ersten Schuljahr des Collège werden zurzeit in solchen Klassen unterrichtet.

Die eingeleitete Reform des Collège durch die französische Regierung enthält zwei bedenkliche Maßnahmen: erstens würden diese classes bilangues nur noch als Weiterführung des Deutschunterrichts im Primarbereich zugelassen. Da es Deutschunterricht im Primarbereich aber fast ausschließlich im Elsass und in Lothringen gibt, bestünde die Gefahr, dass Deutsch allmählich ins Hintertreffen gerät.

Geplant ist auch die Abschaffung der sections européennes, des französischen Pendants zu den bilingualen Zügen in Deutschland, die verstärkten Sprachunterricht und Sachunterricht in der Fremdsprache verbinden.

Als Europaabgeordnete können mich solche Vorhaben nur beunruhigen. Ist der französische Staat etwa dabei, in Zeiten, in denen Weltoffenheit gefördert wird und über Bildung immer wieder gegen Vorurteile gekämpft werden muss, den Rückwärtsgang einzulegen? Auch persönlich berühren mich diese Vorhaben zutiefst. In den siebziger Jahren durfte ich in Marseille an einer öffentlichen Schule Deutsch lernen. Ohne meine hervorragenden und engagierten Lehrer – der Elysée-Vertrag wurde noch ernst genommen – wäre mein Leben um einiges ärmer gewesen. Das emotionale Entdecken und Erleben der deutschen Sprache war für mich um so faszinierender, als es mit der mediterranen Umwelt total kontrastierte. Damals wagte es die Schule noch, Kinder jeglicher sozialen Herkunft nach Kräften zu fördern und zu fordern, um ihnen das Bestmögliche zu erschließen.

Bei dieser Reform geht es also um Gleichheit. Das Selbstverständnis der Französischen Republik lebt davon, unterschiedliche Talente zusammenzuführen, Kinder und Heranwachsende aus ihrem regionalen oder familiären Determinismus herauszuführen. Nur so werden sie ihren Horizont erweitern und ihre beruflichen Perspektiven verbessern können. Was die sections européennes angeht: sie sind für die Schulen ein offenes Fenster zur Welt. Die Veranstaltungen, die dazugehören, kommen allen Schülern zugute. Dies konnte ich mehrmals selbst erleben, als ich als Europaabgeordnete vor sämtlichen Klassen einer Schuleinrichtung sprach.

Diese Reform rührt auch an eine strategische Frage. Deutsch ist keine Sprache wie jede andere. Die von Charles de Gaulle und Konrad Adenauer 1963 zementierte deutsch-französische Zusammenarbeit war der Jugend, der gemeinsamen Zukunft zugewandt. In Minsk haben Bundeskanzlerin Merkel und Staatspräsident Hollande sich gemeinsam für Recht und Frieden eingesetzt. In Brüssel sind Frankreich und Deutschland die Eckpfeiler des vereinten Europas. Noch gibt es viele unfertige Baustellen in Europa: den Euro, die Wirtschaft, die Verteidigung, die Asyl-und Migrationspolitik. Um sie zu Ende zu führen, bedarf es einer besseren Verständigung und des gegenseitigen Vertrauens. Sie mögen dieses Land als Modell bemühen oder gar verdammen, doch wie viele führende französische Politiker kennen Deutschland wirklich? Der Mangel an Germanisten ist bereits eklatant. Dieses Defizit sollte man beheben, statt es zu verschlimmern.

Angesichts des Zulaufs fremdenfeindlicher und euroskeptischer Parteien ist es nicht gerade angebracht, bewährte europäische Bildungsgänge zu kappen. Kinder aus wohlhabenden Familien werden immer die Möglichkeit haben, an privaten Schulen eine international geprägte Ausbildung zu bekommen. Wird es aber einem Kind aus den ärmeren Vierteln von Marseille oder Nantes noch vergönnt sein, an einer öffentlichen Schule die deutsche Sprache zu erlernen und ein selbstsicherer EU-Bürger zu werden?

Die Autorin ist französische Europaabgeordnete und Mitglied der Fraktion der Allianz der Liberalen und Demokraten in Europa

 

2017-05-18T12:23:54+00:00