Von Christian Böhmer

Mit Genehmigung der dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH, Hamburg, www.dpa.de

Paris (dpa) – Die französische Präsidentenwahl im April und Mai wird auch im Ausland mit Sorgen verfolgt. Denn bei einem Sieg der Rechtspopulistin Marine Le Pen würde sich der Gründerstaat der Europäischen Union (EU) wohl von Europa abwenden. Goulard spricht im dpa-Interview über die Wut in ihrem Land und spart auch das Tabuthema antideutscher Ressentiments nicht aus.

Wie sehen Sie Frankreich vor den Wahlen?

Man kann niemals wissen, wie eine Wahl in einem Land ausgeht, das so verletzt ist. Die Umfragen können sich sehr wohl irren. Wir sind in einer Lage, wo wir nicht sicher sind, wer in die zweite Wahlrunde (am 7. Mai; die Red.) kommt. Niemand weiß zudem, ob es bis zu den Wahlen nicht einen Terroranschlag geben wird, der das Land erschüttern könnte.

Der frühere konservative Premierminister Alain Juppé hat vor einem möglichen Bürgerkrieg in Frankreich gewarnt. Besteht diese Gefahr?

Ich würde nicht vom Bürgerkrieg sprechen. Der Begriff « Krieg » wird zu oft benutzt. Er ist auch nicht immer angemessen, weder für die Gesellschaft, noch für den Terrorismus. Es gibt hingegen eine Wut, ein Ressentiment, das inzwischen in der Bevölkerung spürbar ist. Es wird nicht immer in Paris wahrgenommen. Auch wenn die Menschen von sozialer Unterstützung profitieren, haben sie den Eindruck, dass sie keine Perspektiven haben. Es gibt einen Riss in den Köpfen der Menschen. Und es gibt wirkliche Schwierigkeiten im täglichen Leben, wenn man sich die Einkünfte ansieht. In Frankreich leben neun Millionen Menschen unter der Armutsschwelle.

Gegen wen richtet sich die Wut?

Es gibt eine etwas undifferenzierte Ablehnung der Eliten. Das sind die, die weit weg sind und entscheiden. Es gibt auch ein großes Misstrauen gegen die Finanzbranche. Und es gibt die Angst vor dem Anderen, wer es auch ist. Weiße gegen Schwarze, Nordafrikaner gegen Weiße. Alle gegen Brüssel und einige auch gegen Deutschland, das ein idealer Sündenbock wird. Einige ergehen sich in antideutscher Kritik, um den Versammlungssaal für sich einzunehmen. Das sind Menschen, die für ihre Wut Kristallisationsobjekte suchen. Aber insgesamt sind die Franzosen nicht antideutsch. Sie kennen Deutschland nicht unbedingt gut, aber sie haben ein eher positives Bild. Doch die Stimmung wird von allgemeiner Verbitterung belastet.

Frankreich wird oft als ein Land in der Krise dargestellt, ist das berechtigt?  

Frankreich nimmt sich ganz besonders als ein großes Land wahr. Aber es ist nicht das einzige, wie man es im vergangenen Jahr mit dem Brexit gesehen hat. Es gibt diese Versuchung zu sagen: «Wir schaffen es, die Kraft der Vergangenheit wiederzufinden.» Alle sind ein bisschen nostalgisch. In Wirklichkeit ist es illusorisch. Denn die Welt hat sich geändert. Schauen Sie sich die Bevölkerungsentwicklung an oder das gesteigerte Wirtschaftspotenzial Chinas, Indiens, Brasiliens, Indonesiens oder anderer Länder.

Marine Le Pen strebt einen Euro-Austritt Frankreichs an. Das hätte gravierende Auswirkungen für ganz Europa. Warum gibt es so wenig Debatten darüber?

Frau Le Pen kann es sich erlauben, Unsinn über den Euro zu erzählen. Denn sie setzt auf das Gefühl von Fragen der Identität. Sie wendet sich an Menschen, die wütend sind und die das Gefühl haben, dass sie nichts zu verlieren haben.

Ist die Wahl in Frankreich auch eine Abstimmung über Europa?

Es gibt da ein Paradox. Wenn Sie einerseits fragen, worum es bei der Wahl geht, werden alle antworten, dass es Frankreich ist. Alle Wahlkampfteams konzentrieren sich auf Frankreich. Alle glauben, dass man nur den Staatspräsidenten wählt. Andererseits kommt Europa mit Macht zurück – entweder positiv,  oder negativ.

«Incertitude» – Unsicherheit – ist auch ein Begriff, der oft fällt, zu Recht?

Als Präsidenten hatten die Franzosen zunächst Nicolas Sarkozy, der hyperaktiv war, und dann François Hollande, der als zu passiv gesehen wurde. Die beiden Präsidenten haben die Franzosen nicht unbedingt beruhigt. In jeden der beiden Fälle gibt es unterschiedliche Gründe. Man hat in der Tat zehn Jahre Unsicherheit hinter sich, die ohne die nötige Abgeklärtheit waren, um die Geschäfte des Landes gut zu führen.

Der Wahlkampf ist sehr wechselhaft, Kandidaten steigen auf und fallen wieder. Woran liegt das?

Über Jahrzehnte hinweg waren die politischen Kategorien klar, es gab die Sozialisten, die Gaullisten. Die Kategorien von gestern sind obsolet. Keiner kann sagen, was General de Gaulle heute machen würde.

2017-05-18T13:00:39+00:00